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Islam Cemalettin Karataş

Besonders wichtig für uns Aleviten ist: Alles vom Menschen her zu denken.

Mein Vater kam als Gastarbeiter in den 70ern nach Salzgitter. Ich bin 1980 in Diyarbakir geboren, in der Ost-Türkei. Das ist Kurdengebiet, wir waren als alevitische Türken dort eine Minderheit in der Minderheit. 1990 mit zehn Jahren bin ich nach Deutschland gekommen. Ich lebe sehr gern hier.

Foto: Patrice Kunte

Ich bin aufgewachsen in einem rein alevitischen anatolischen Dorf. Dort hatten wir ein alevitisches Versammlungshaus, ein cem-evi. Jeden Donnerstagabend durfte ich mit meiner Mutter hingehen. Das sind Bilder, die mich geprägt haben, zum Beispiel die Kerze, die zum Licht erweckt wird mit den Worten: Allah, Mohammed, Ali.

Foto: Patrice Kunte
Foto: Patrice Kunte

Wie ich zum Glauben gekommen bin? Zunächst durch meine Mutter. Sie war sehr alevitisch religiös. Später in Salzgitter kam ich in einen rein christlichsunnitischen Kontext. Meine sunnitischen Freunde fragten mich: Warum kommst du nicht mit in die Moschee? Da musste ich mich mit der Frage auseinandersetzen, was mich eigentlich von ihnen unterscheidet, als Alevit. Nun kann ich sagen, dass genau diese Frage nach dem ›Wer bist Du?‹ höchst alevitisch und der erste Schritt auf dem alevitischen Weg ist.

Foto: Patrice Kunte

In Niedersachsen leben heißt für mich: zuhause sein, eine weltoffene Gesellschaft, gelebte Willkommenskultur. Mit Diskriminierung bin ich fast gar nicht konfrontiert worden. Ich fühle mich hier zuhause.

Foto: Patrice Kunte

Woran man erkennt, dass ich Alevit bin? Ich bin regelmäßig im cem-evi. Und ich versuche, die Fastenzeit einzuhalten. Dann rasiere ich mich nicht, das sehen die Kollegen natürlich und sprechen mich darauf an. Aber sonst, im Alltag, nimmt man uns kaum wahr. Und das ist auch gut so.

Foto: Patrice Kunte

Im religiösen Ritual, dem cem, sitzen Mann und Frau im Kreis mit den religiösen Wegweisern. Wir befinden uns mit ihnen auf einer Ebene. Das begeistert mich immer wieder am Alevitentum: ich versuche nicht, allgemeingültige Antworten auf religiöse Fragen zu finden. Ich befinde mich in einem Lernprozess.